© spurensucher - 04.02.2019

Japanische Weltkarte: Antiker Beweis für die große Flut?

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 (>> Bildquelle, auch zum zoomen); www.gallica.bnf.fr

 

In der französischen Nationalbibliothek schlummert unter der Autorenbenennung Toshiyuki Ishikawa eine kuriose Weltkarte, die auf das Jahr 1668 datiert ist. Offenbar wurde sie erstmalig am 25.11.2016 dort online veröffentlicht.

 

Neben den außergewöhnlichen Inhalten wurde oben in der linken Ecke eine Erklärung verzeichnet, die relativ nichtssagend folgendes auf Französisch erklärt: "Karte von den Japanern, die von Kaempfern nach Europa gebracht und im Büro von Hans Sloane, Präsident der Royal Society of London, hinterlegt wurde."

 

Das Bemerkenswerte an dieser Karte: Sämtliche Kontinente darauf sind buchstäblich Fraktale, die von Wasserstraßen und Binnenmeeren durchzogen sind.

 

Von der Nord-/Ostsee ins Mittelmeer: Freie Fahrt über breite Wasserstraßen durch Europa

 

Ausschnitt_Europa_Afrika

Ausschnitt: Europa und Afrika sind durchzogen von mächtigen Wasserstraßen. Das Schwarze Meer (mit direktem Zugang zum Mittelmeer) ist zu erahnen, das Kaspische Meer scheint heute ein Sammelbecken eines ehemaligen Stroms zu sein, der damals eine Verbindung zum persischen Golf hatte. (www.gallica.bnf.fr). Sizilien, Korsika und Sardinien ebenfalls. Seltsamerweise gab es keinen Zugang zum Roten Meer, wenn ich das richtig sehe. Allerdings ist dort eine etwas dickere Linie verzeichnet, die den afrikanischen Kontinent vom Sinai optisch trennt (auch durch die Farbgebung).

  

Sollte man dem japanischen Forscher hier Geisteskrankheit unterstellen, als er im 17. Jahrhundert tätig wude? Immerhin sieht keine Karte aus der Zeit so aus. Man sollte bedenken, dass die Karthografie zu dieser Zeit bereits weit fortgeschritten war. Außerdem sollte sich dieser Toshiyuki Ishikawa doch wenigstens vor seiner eigenen Haustüre ausgekannt haben, oder? Im chinesischen Meer finden wir auf seiner Karte eine Vielzahl an Inseln, sämtliche Kontinente liegen jeweils wie ein auseinandergenommenes Puzzle in einer Vielzahl an Teilen nebeneinander. Was hat sich der Kartograph bei dieser Anschauung gedacht?

 

Ausschnitt_Asien_Australien

China ist im Grunde ein Inselstaat mit großen und kleinen Inseln, Australien halbwegs undurchlässig bis auf eine nördlich Abspaltung (sofern diese überhaupt noch zu Australien gehört hat) ein Teil der Antarktis. Im Nordosten (mitten im Pazifik) befindet sich eine Insel, die entweder falsch verzeichnet oder heute überflutet ist (Terre de Gama). (www.gallica.bnf.fr)

 

Aus Versehen an die Öffentlichkeit gelangt?

 

Es ist nicht auszuschließen, dass diese Karte eventuell weitaus älter ist. Der Empfänger der Karte, Hans Sloane, ist zumindest >> aktenkundig. Das Ganze wurde nachträglich auf Französisch ausgezeichnet. Feuerland trägt die Bezeichnung "Isles des grandes hommes" (übersetzt: Insel der großen Menschen). Auch die Magellanstraße ist dort eingezeichnet bzw. von den Franzosen nachgetragen worden. Offenbar hat man sich damals intensiv mit der Karte auseinander gesetzt.

 

Unter "Terre de Gama" wurde eine große Insel im nördlichen Pazifik aufgezeichnet, die ihren Namen offenbar Vasco da Gama verdankt. Man vermerkte dort auch vorsorglich den Hinweis, dass diese Insel den Europäern gänzlich unbekannt sei. Heute findet sich diese überproportional große Insel (an der Spitze einer Inselgruppe) nirgendwo auf einer der etablierten Karten. 

 

Ausschnitt_Nordamerika

Interessanterweise gibt es keine Nordpolansicht. Es gibt ein paar große Inselfragmente dort, wie man vor allem auch der zweiten Karte entnehmen kann (s.u.). Aber das war es dann auch schon.(www.gallica.bnf.fr)

 

Afrika ist buchstäblich perforiert und keine Erdscholle hängt mit der anderen zusammen, ohne von Wasser unterbrochen zu sein. Woher nahm der japanische Ersteller der Karte diese Weisheiten bzw. bezog er sich auf reale Erkenntnisse? Im übrigen wurden auf dem Dokument auch chinesische Zeichen verewigt – wer weiss, woher die Karte ursprünglich stammte oder welcher Vorlage sich der Japaner bediente? 

 

Die Darstellung der chinesischen Mauer gibt unter der Berücksichtigung der natürlichen Gegebenheiten, die in dieser Karte aufgeführt sind bzw. aus strategischen bzw. Abschottungsgesichtspunkten nach Norden heraus, auch tatsächlich Sinn. Dagegen mutet ihr Verlauf heutzutage eher "willkürlich" an. Bleibt wieder die Frage: Handelt es sich um eine Momentaufnahme aus grauer Vorzeit oder ist hier die Phantasie mit jemandem durchgegangen? Es ist auch nicht auszuschließen, dass der Verlauf dieser Mauer nachgezeichnet wurde und nicht das Werk des ursprünglichen Kartographen war.

 

Interessanterweise gibt es eine weitere Karte des gleichen Urhebers, die ebenfalls aus der französischen Nationalbibliothek stammt. Diese wurde allerdings nicht von den Franzosen korrigiert. Die Beschriftungen sind ausschließlich asiatischen Ursprungs. Die Patchwork-Idee der oberen Karte wurde hier ebenfalls aufgegriffen.

 

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(>> Bildquelle, auch zum zoomen); www.gallica.bnf.fr

 

Orientiert man sich lediglich an den Küstenverläufen und versucht, die Unterbrechungen zu verbinden, sieht das Gesamtbild nicht mehr ganz so chaotisch aus. Gewiss stimmen zahlreiche Proportionen nicht. Allerdings wäre es dann umso erstaunlicher, dass der Kartograph hier komplette einzelne Puzzleteile skizziert hat. Auftauchende Flüsse müssen ja nicht zwangsläufig eine solch breite Schneise durch die Kontinente schlagen.

 

Aus meiner Sicht ist das Ganze möglicherweise doch nicht so unplausibel, wie es auf den ersten Blick aussieht. Hängt im Prinzip also nur noch davon ab, von wann diese Karte wirklich ist und was genau sie darstellt.

 

Wer also sollte sich so etwas ausdenken? Handelt es sich um eine Flutkarte, die die ursprüngliche Welt der Überschwemmung darstellt? Manche Landverbindungen heute gibt nicht, dafür aber zerfurchende Wasserstraßen, die heute so jedenfalls auch nicht (mehr) existieren.

 

Toshiyuki Ishikawa – vermutlich kein Phantast oder Spinner 

Zumindest von einer Tatsache kann man ausgehen: Toshiyuki Ishikawa hat sich zu seiner Zeit auch intensiv mit der Städtekartografie auseinander gesetzt. Diese fällt weitaus weniger "vage" aus, wenn man sich sein Werk zu Tokio näher ansieht. (In der David Rumsey Collection heisst es: 1 Karte: handfarben; 124 x 136 cm, eingeklappt 27 x 18 cm. Holzblockdruck. Auf Japanisch. Ausgerichtet nach Norden nach links. Zeigt Haupttempel und Schreine und die Burg bildlich. Zeigt Landbesitz von Daimyo mit Wappen. Enthält eine Liste von Daimyo und Inset. Titel von Hand hinzugefügt: O Edo onzu.…). Hier scheint er (gemeinsam mit einem Kollegen?) recht akribisch vorgegangen zu sein. Die Karte ist von 1689.

 

Tokio_Toshiyuki-Ishikawa

Edo zukan komoku / gako Ishikawa-shi Toshiyuki. Genroku 2 [1689]; im Besitz der David Rumsey Collection; >> Bildlink 

 

Wenn man die heutige Topografie von Tokio daneben legt, entdeckt man ebenfalls eine abweichende Darstellungsform des damaligen Wasserstandes, die ich mit der Gegenwart nicht in Einklang bringen kann. Im südwestlichen Teil der antiken Darstellung von 1689 sehe ich jedenfalls weitaus mehr Wasser als heute auf Google Maps. Handelt es sich dabei wirklich um einen Snapshot von 1689 oder blickt Toshiyuki Ishikawa hier weit zurück in eine ferne Vergangenheit?