© Spurensucher - 29. Januar 2021

Industrie- und Gewerbeausstellung 1902

 

Beton-Verein-Bochum_1902_Spurensucher

Was wir hier sehen, erinnert an die kolossalen Säulen in Rom, die häufig auch mit Engeln verziert wurden. Der Erhaltungszustand der gesamten Anlage war 1902 offenbar makellos, der flüchtige Blick auf die Kirche im Hintergrund scheint ebenfalls den Eindruck zu vermitteln, wir hätten es hier mit einem sehr gut erhaltenen historischen Original zu tun.

Der erste Eindruck trügt, dies sind keine Denkmäler aus ferner Vergangenheit, sondern angeblich das bauliche Ergebnis im Vorfeld einer Düsseldorfer Veranstaltung, die 1902 als Industrie- und Gewerbeausstellung tituliert wird.

 

Mich hatte dieses Monument architektonischer Kunstfertigkeit auf Anhieb angesprochen. Umso verwunderter war ich, als ich  hörte, dass es sich hier um eine großflächige Ausstellungskulisse gehandelt haben soll. Solcherlei Ausstellungen fanden ja um die Jahrhundertwende weltweit statt.

 

Aus dem Buch "Die Industrie- und Gewerbeausstellung“ für Rheinland, Westfalen und benachbarte Bezirke von 1902 (Hrsg. von G. Stoffers) erfahren wir über das kirchenähnliche Anwesen, dass es keineswegs einem sakralen Zweck diente:

 

"Die Anlage der Betonwerke war in ihrer nördlichen Seite vom Gebäude des Bochumer Vereins flankiert. Die Haupthalle dieses Baus bestand aus drei Gelenkbogen von 19,10 m breit Spannweite bei 19,5 m Höhe bis zum Dachfirst ausgebildet. Die Fachwerkbogen stützen sich auf Kugelgelenk, im Scheitel war ein Federgelenk eingelegt. An die Haupthalle schlossen sich niedrige Seitenhallen von 6 m Höhe bei 6,5 m Breite. Die vordere Giebelfront war von einem Glockenturm flankiert, der sich zu einer Höhe von 70 m erhob und in seinem 40 m hohen unteren Teil in Eisen konstruiert war. Der Aufsatz bestand aus Holz. Der schwere Charakter des großen, durch die Eisenkonstruktion festgelegten Gebäudes war durch eine dekorative Ausgestaltung der Giebelfronten an lang – und Querhaus im gotischen Stil gemildert. In der Hauptfassade nach Osten und in den Querhausgiebeln waren große Maßwerkfenster in breiten Spitzbogen geschlossen über einer durchbrochen in Galerie angeordnet; die Eckpfeiler und alle Gliederungen hoben sich durch rötliche Sandstein – Nachahmung hervor. Weitere dekorative Einzelheiten waren die Strebepfeiler mit gestreiften, ziegelroten Bedachungen und eine Anzahl Spitztürmchen mit dem grünen Ton oxidierter Kupferhelme, allesamt in Goldknäufe auslaufend. Zwei ruhende Sphinxgestalten in Bronzefarbe und auf ungegliedertem Sockel bewachten den Haupteingang, in dessen tiefe Laibung ein breiter, kräftig relisierter und ebenfalls Bronzefarben auf Wulst eingespannt war. Das Innere, durch ein mächtiges Glasdach überdeckt, mit dem unverhüllten Dachstuhl des farbig abgesetzten Eisengerüstes, machte einen großartigen Eindruck, der durch die geschmackvolle an Ordnung der grandiosen Ausstellungsgegenstände noch verstärkt wurde. Das Riesenfenster in der Westseite zeigte in Kunstverglasung eine Lohe aufzüngelnder Flammen und bildete den ernst gestimmten Hintergrund für einen riesigen Glockenstuhl. Die hohe Galeriebrüstung war mit den farbig ausgeführten Wappen vieler Staaten geschmückt."

 

Es soll sich also hier um eine betonierte Anlage handeln. Der Bochumer Verein war großflächig auf der damaligen Messe präsent. Wir erfahren nach weiterer Recherche, dass die Ausstellungshalle des Bochumer Vereins (kirchenähnlicher Komplex im Hintergrund) von der "Firma Hein, Lehmann (Traditionsunternehmen in Düsseldorf) zunächst für die Ausstellung gebaut, dann ab- und in Bochum wieder aufgebaut und so Teil des Komplexes der Bochumer Jahrhunderthalle wurde. Angeblich sollen noch Beschriftungen der Düsseldorfer Ausstellung dort zu sehen sein.

 

"Das Hauptschiff der ursprünglichen Halle ist 66 Meter lang, 20 Meter breit und hatte eine Höhe von 21 Metern, die Seitenschiffe sind 6,5 Meter breit und 6 Meter hoch. Die Fassade war zur Erinnerung an die ersten erfolgreichen Stahlguss-Versuche von Jacob Mayer im Jahr 1851 in Form einer gotischen Kirche gestaltet, da die ersten erfolgreich gegossenen Produkte Glocken waren. Der 70 Meter hohe Glockenturm mit einem Geläut aus drei Glocken ist in Bochum allerdings später nicht wieder errichtet worden. Auch die Fassade ist in Bochum nicht in dieser Form wiederhergestellt worden." (Quelle)

 

Nachstehend seht ihr den Hallenbau an der rechten Seite des "Kirchturms" in Düsseldorf. Ein recht merkwürdiges Konzept. Ob dieser Kirchturm am Ende wirklich vom Bochumer Verein gebaut wurde, ist in meinen Augen fraglich.

 

BV_Duesseldorf_1902

Foto: gemeinfrei