© Spurensucher - 23.05.2020

War der große Salbyk Grabhügel eine Pyramide?

 

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Aufnahme des noch vollständigen großen Salbyk Grabhügels von 1910 mit etwa 25-30 Metern Höhe und 500 Metern Durchmesser. Auf der Anhöhe stand seinerzeit noch ein Obelisk, der seit der Ausgrabung nicht mehr da ist. Bildquelle Wikimedia Commons (gemeinfrei).

 

Bislang wusste ich noch nicht einmal, dass ein Kurgan das gleiche ist wie ein Tumulus – ein Hügelgrab, allerdings kegelförmig aufgeschüttet. So wie der Große Salbyk Kurgan 80 km von Abakan in Südsibirien, in der Republik Chakassien. Der Hügel befindet sich im Tal der Könige, wo vor mehreren tausend Jahren die Tagar-Kultur verortet wird. Nein, es handelt sich offenbar nicht um einen erfundenen Volksstamm aus Game of Thrones, sondern um eine regionale Epoche, die man zeitlich zwischen dem 9. und dem 3. Jhrd. v. Chr. einordnet. Man schätzt das Alter des Monuments auf 2.300-2.500 Jahre, aber auf welcher Grundlage will man hier das Alter genau spezifizieren? Aus meiner Sicht sind Altersdatierungen vor dem Hintergrund ausgegrabener Artefakte oder Knochen nur eingeschränkt hilfreich.

 

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Tonnenschwere Menhire um den Kurgan herum.

Foto: Фахразиев Альфир Магафурьянович, Захоронений в Хакасии множество, CC BY-SA 4.0

 

Der Grabhügel wurde von einer megalithischen Steinsetzung eckig eingefasst (70 x 70 m). Es handelt sich dabei um riesige Platten devonischen Sandsteins mit einem Gewicht von jeweils 50-70 Tonnen. Eine Quelle behauptet, sie seien über hundert Kilometer entfernt von den Ufern des Flusses Jenisej herangeschafft worden, eine andere spricht von 60 km bis zum nächsten Steinbruch. Während man sorglos an der Grabtheorie des Hügels festhält, vermutet man gleichzeitig, dass hier einst ein antiker Tempel in Kombination mit einem astronomischen Observatorium (das die Bewegung von Sonne und Mond zeigt) stand.

 

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Menhire im Tal der Könige rund um den Hügel zu Gedenksteinen umfunktioniert.

Foto: Nina Zhavoronkova, Долина Царей, Салбыкский Курган 02, CC BY-SA 4.0

 

In jedem Fall bleibt es wie in anderen Fällen ein logistisches bzw. technisches Rätsel, wie man diese Felsen herangeschafft und aufgestellt haben will. An den Ecken und Seiten der Steinringeinfassungen stehen zahlreiche große Menhir-Kolosse, 23 an der Zahl mit einer Höhe von jeweils bis zu 6 Metern. 

 

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Unterschiedliche Winkel der ehemaligen Außenbefestigung. 

Foto: Nina Zhavoronkova, Долина Царей, Салбыкский Курган 03, CC BY-SA 4.0

Foto: Nina Zhavoronkova, Долина Царей, Салбыкский Курган 07, CC BY-SA 4.0

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Меч_в_земле_(Большой_Салбыкский_курган)Folkloristisches Schmückwerk an einem der bis zu 6 Metern hohen Menhire. 

Foto: Rost.galis, Меч в земле (Большой Салбыкский курган), CC BY-SA 4.0

 

Vor dem Bau des riesigen Erddamms im Inneren der megalitischen Einfassung befand sich eine Krypta aus Baumstämmen in Form eines Pyramidenstumpfes. Die Krypta war innen und außen mit einer dicken Rindenschicht bedeckt, hatte eine Höhe von 2,5 m und eine Tiefe von zwei mit Wasser bedeckten Gruben. Soweit eine Erklärung, direkt unter dem Zentrum des Hügels hat sie sich offenbar nicht befunden.

 

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Gigantische Wandbefestigungsplatten am Rande des Hügels (Westseite), vorher eindeutig sauber bearbeitet bzw. zugeschnitten.

Foto: Alava, Салбыкский курган. Западная стена, CC BY-SA 4.0

 

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Menhire im Bereich der äußeren Randbefestigung. Bei diesem Hügel spricht man von der Ursprungsform einer Pyramide im Höhenbereich eines 8-stöckigen Gebäudes.

Foto: Виктор Санников, Салбыкский курган вход, CC BY-SA 3.0

 

 

Der große Salbyk-"Grabhügel" ist der größte megalithische Bau seiner Art im mittleren Yenisei-Becken. In der Salbyk-Steppe gibt es in einem Umkreis von etwa 5 km 56 Hügel, von denen 5 nur geringfügig kleiner sind als der große Salbyk Grabhügel, während die übrigen immerhin auch schon 4-6 m hoch sind. Ein charakteristisches Merkmal der Salbyk-Hügelgruppe ist die pyramidale Form der Böschung, die sich besonders in den Morgen- und Abendstunden abzeichnet. Das stellt mich vor die Frage, ob wir es hier ursprünglich wirklich nur mit künstlichen Hügeln zu tun haben.

 

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Petroglyphen an den Menhiren. Foto: gemeinfrei

 

Eine Expedition des Instituts für die Geschichte der materiellen Kultur und des Chakassischen Forschungsinstituts für Sprache, Literatur und Geschichte, sorgte unter der Leitung von S. M. Mukhammadov 1954-1956 für die Ausgrabung, was offenbar aber sehr schlampig lief.

 

„Unter den Ecken der monumentalen Steineinfriedung wurde ein menschliches "Fundamentdepot" entdeckt: die Knochen von Erwachsenen und Kindern. In der westlichen Hälfte des Kurgans war eine Balkenkammer mit einer pyramidenförmigen Holzdachkonstruktion als Abdeckung in den Boden eingelassen, die offenbar über einen längeren Zeitraum für weitere Bestattungen zugänglich gewesen war - ein tunnelartiger Gang führte von Westen durch den Sodenkurgan in die Kammer. Sie wurde später zum Einsturz gebracht, als die Grabkammer dauerhaft verschlossen wurde. Leider sind aufgrund unzureichender Dokumentation nur wenige Details über die Struktur des Kurgans bekannt. Die totale Plünderung der Grabkammer vereitelt einen näheren Einblick in die Bestattungsausstattung eines Königsgrabes im Minusinsker Becken.

Um die Forschungslücken in dieser wichtigen Fundregion in Südsibirien zu schließen, wurde 2004 ein Projekt zur umfassenden Untersuchung des Kurgans von Barsuchiy Log, 35 km nördlich von Abakan und nicht weit von Salbyk entfernt, durchgeführt. Obwohl im Minusinsker Becken seit fast 300 Jahren Ausgrabungen durchgeführt werden, wurde hier zum ersten Mal einer der monumentalen Grabkomplexe der skythenzeitlichen Tagarkultur mit modernem Ausgrabungs- und Dokumentationsmaterial untersucht. Der noch immer ca. 10 m hohe Barsuchiy-Log-Kurgan ist aufgrund seiner Pyramidenform eine Besonderheit unter den eurasischen Großkurganen. Darüber hinaus besitzt er eine ca. 55 × 55 m große, aus massiven Steinplatten gebaute Anlage mit einem Eingang im Osten, ein charakteristisches Merkmal der Tagar-Kultur in dieser Region. Die Untersuchungen ergaben, dass der Kurgan aus Grassoden gebaut wurde, wie dies wahrscheinlich auch bei dem großen Hügel in Salbyk der Fall war. Der äußere Mantel des Kurgans von Barsuchiy Log bestand jedoch aus orangeroten Tonblöcken; er war daher in der Steppe weithin als rote Pyramide sichtbar.… Alle großen Kurgane in der Steppe nördlich von Abakan zwischen Salbyk und Barsuchiy Log weisen westlich des Zentrums des Grabhügels weisen riesige, trichterförmige Plündergruben auf. Das wussten auch die Grabräuber, und sie unternahmen enorme Erdbewegungen. Dieser extreme Aufwand ist für Plünderungen in den letzten Jahrhunderten eigentlich recht ungewöhnlich, und vielleicht liefert Barsuchiy Log eine Erklärung dafür: Die Grabstelle in Barsuchiy Log war völlig verwüstet, zahlreiche Skelettteile fehlten, und die wenigen, die übrig geblieben waren, lagen ungeordnet verstreut herum. Am Ende dieser Zerstörungen deponierten die Räuber in der Grube den Kopf eines Hundes, der in das 1. Jahrhundert v. Chr. datiert wird (auf der Grundlage von Radiokarbondaten) und damit in eine Zeit unmittelbar nach der Tagar-Kultur gehört. Diese Ablagerung von Hunden oder ihren Köpfen in geplünderten Tagar-Gräbern kann als charakteristisch für die nach der Tagar-Kultur entstandene Tes-Kultur angesehen werden, die mit der Hsiung-nu-Kultur in Verbindung gebracht wird. In jedem Fall repräsentieren die Tes eine andere Bevölkerungsgruppe, die ab 200 v. Chr. von Südosten her in das Minusinsker Becken eindrang. Offensichtlich fand die Plünderung dieser großen Kurgane zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt statt als bisher angenommen. Mehrere Faktoren deuten darauf hin, dass die Absicht dieser neuen eindringenden Gruppen darin bestand, die königlichen Gräber früherer Herrscher in der Region zu öffnen und auszurauben und im Sinne einer damnatio memoriae die Gräber zu schänden und damit die heilige Macht der früheren Herrscher vor den Augen ihres Volkes zu brechen und dann ihre eigene einzupflanzen. Wenn so viel Energie in die Zerstörung der Kurgane und die Vernichtung ihrer Bedeutung investiert wird, dann unterstreicht dies umso eindrücklicher die tiefe Bedeutung, die diese Grabmonumente für die Bevölkerung, die sie errichtet hat, gehabt haben müssen.“

(Quelle: Burial mounds of Scythian elites in theEurasian steppe: New discoveries, Albert Reckitt Archaeological Lectureread 1 December 2016, HERMANN PARZINGER, Fellow of the Academy)

 


In den Jahren 1992, 1994, 1996, 1998, 2008 und 2010 führte die Sajan-Altai Archäologische Expedition der Staatlichen Eremitage unter der Leitung von L. S. Marsadolov umfassende archäologische und astroarchäologische Forschungen am Großen Salbyk-Hügel und im Tal der Könige in Chakassien durch.

 

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Monströse Randbefestigungen des ehemaligen Hügels.

Foto: Nina Zhavoronkova, Долина Царей, Салбыкский Курган 10, CC BY-SA 4.0

 

Der Erdhügel war noch vor der Ausgrabung in den 50er Jahren etwa 25-30 m hoch, heute misst er nur noch 11,5 m. Zum Zeitpunkt der Ausgrabung war der Hügel stark aufgeschwemmt, behielt aber seine geometrische Form bei, da die "Verkleidung" des Hügels aus feinem Tonmaterial bestand. Im westlichen Teil der Böschung befand sich eine Grube mit einem Durchmesser von bis zu 19 m und einer Tiefe von bis zu 5 m - Spuren von Plünderungen wie oben beschrieben. Der ursprüngliche Hügel hatte einen Durchmesser von 500 Metern.

 

Die erste Beschreibung des Großen Salbyk-Hügelgrabens erfolgte 1739 durch den russischen Wissenschaftler und Reisenden G. F. Miller während der "Ersten akademischen Expedition" von 1733-1743. Man fand dort bis heute Artefakte von Messern, Tongefäßen, Holz sowie Petroglyphen.

 

Ein Besuch dieses eindrucksvollen Megalithenortes in dieser baumlosen Steppenlandschaft lohnt sich bestimmt.