© spurensucher - 13.02.2021

Tierisch: Die Seekarte von Olaus Magnus

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Carta Marina (hier ein Ausschnitt) von Magnus: gemeinfrei

 

Wenn man der zivilen Schifffahrt schon über die Jahrhunderte keinen Glauben schenkte und alles Ungewöhnliche an Sichtungen eher Seemansgarn abtat, vermutete man bei Gelehrten oder besonders angesehenen Persönlichkeiten dann schon eher mal mehr Substanz hinter ihren Erzählungen oder Niederschriften. Mit der Seriosität eines Geistlichen oder eines Offiziers konnte sich ein dahergelaufener Kapitän einer Schaluppe eben nicht messen.

 

Olaus Magnus, ein schwedischer katholischer Geistlicher, der sich ausgiebig mit Kartografie und Geografie befasste, erschuf bereits zwischen 1527 und 1539 mit seiner Carta Marina eine Navigationskarte für die Schifffahrt der damaligen Zeit. Darin verzeichnete er ungewohnte Wesen, die heutzutage samt und sonders seiner freien Phantasie zugeordnet werden. Manche basieren jedoch auch auf konkreteren Sichtungen, die vom Seemansgarn abwichen. Als schwedischer katholischer Geistlicher, der sich ausgiebig mit Kartografie und Geografie befasste, erschuf er bereits zwischen 1527 und 1539 mit seiner Carta Marina eine Navigationskarte für die Schifffahrt der damaligen Zeit. Seine Absicht war es, die Ausgabe von Claudius Ptolemäus Geographia von 1482 richtigzustellen, da sie in seinen Augen hoffnungslos ungenau war. Seefahrer sollten seiner Ansicht nach eine bessere Orientierungshilfe bekommen. Seltsamerweise verschwand seine neue Karte 1574, und für die nächsten Jahrhunderte ging das Gerücht um, dass es eine solche Karte  nie gegeben hätte. Allerdings wurde sie 1886 in München wiederentdeckt, ein zweites Exemplar fand man 1961 in der Schweiz. War diese Karte der damaligen Zeit zu ketzerisch? Worum handelte es sich dabei genau?

 


Saint_brendan_german_manuscriptDie Carta Marina wurde von Olaus Magnus auf 9 Holzblöcke gezeichnet. Fugentechnisch sind die Teile nicht perfekt zusammengefügt, beinhalten allerdings eine außergewöhnliche Darstellungs- und Detailgenauigkeit für die damalige Zeit. Der Geistliche hat die Seekarte Nordeuropas nicht nur aus geografischer Sicht optimiert, sondern auch zahlreiche Tiere bzw. Lebewesen eingefügt, die auf den ersten Blick mühelos als reine Legende abgetan werden. Da wäre zum einen ein Hafgufa, (Altnorwegisch), der für ein massives Ungeheuer steht, wenn nicht dem größten seiner Zeit. Das Unterwassermonster ernährte sich von Walen, Schiffen, Menschen und allem, was ihm vor die Kiemen kam. Bei Ebbe sollen seine Nase oder Nüstern sowie sein Kopf aus dem Wasser geragt haben. Zusammen mit dem Kopf hielt man die Nase für zwei massive Felsen. Der dänische Arzt Thomas Bartholin veröffentlichte einmal in einer Zeitschrift aus dem 17. Jahrhundert eine Skizze, die den heiligen Brendan auf dem Rücken eines Hafgufa selbstvergessen die Messe haltend darstellt (siehe Abbildung). 

 


CM_Extrakt_3Seltsamerweise brachte man dieses Wesen dann auch immer mal wieder mit Kraken bzw. Riesentintenfischen in Zusammenhang, die allerdings über eine gänzlich andere Physiognomie verfügen. Manche sehen darin heute eine Riesenseeschlange, manche ein Wesen im Stile des Loch-Ness-Monsters, andere eben „nur“einen Riesenkraken. Da es sich um das größte Seemonster der damaligen Zeit handelte und offenbar der isländischen Ǫrvar-Oddr Sage aus dem 13. Jahrhundert entsprang, scheint es wohl auch vorzukommen, dass man den Rücken des Wesens mit einer kleinen Insel verwechselte und diese dann auch noch als Präsentationsbühne missbrauchte. Der Autor der Ǫrvar-Oddr Sage blieb bis heute übrigens unbekannt.

 

CM_Extrakt_1Zurück zu Magnus: Dieser zeichnete in seiner Karte Meeresungeheuer ein, die vereinzelt nicht nur an den legendären Hafgufa erinnern. Seekühe waren ebenfalls mit von der Partie, allerdings wurden sie überraschenderweise als riesige gehörnte Monster mit aufbrausendem bösartigen Temperament vor der Küste Norwegens dargestellt. Sie sollen laut mittelalterlicher Überlieferung sogar 130 Jahre gelebt haben. Mit den pflanzenfressenden friedlichen Meeressäugern von heute haben diese jedenfalls nicht viel zu tun. Ging es mit Magnus Phantasie einfach nur durch? Wir hätten da noch einen Wal, der aussieht wie eine Eule und ein Einhorn im Meer, das genauso gut der Stellvertreter für einen Schwertfisch sein könnte. Ähnlich verhält es sich mit dem Walross, das er ins Feld bringt und dass man trotz befremdlicher Darstellung mühelos der heute bekannten Spezies zuordnen kann. 


CM_Extrakt_9Interessant ist auch ein Seeschwein, das er einfügt und das seiner wortwörtlichen Bezeichnung alle Ehre macht. Es ist allerdings auch nicht die einzige Beschreibung aus der Zeit: Es soll sich dabei um einen monströsen Fisch gehandelt haben, der einst an den Küsten Englands gefunden wurde. Offenbar hielt man die Beschreibung seines ganzen Körpers und jedes seiner Glieder fest, als man ihn im Jahr 1532 sichtete und zahlreiche Einwohner bereits auf ihn Jagd machten. Charakteristisch war sein Schweinskopf und ein mondförmiger Viertelkreis an der Rückseite seines Schädels. Er verfügte über vier Extremitäten wie ein Drache, zwei Augen auf beiden Seiten seines Kopfes und weitere an seinem Bauch. Der übliche Fischschwanz durfte am Ende nicht fehlen. OK, die Darstellung von Magnus zeigt drei Augen am Rumpf – entweder hat er die Überlieferung bzw. aktuelle Sichtung der damaligen Zeit nur aus der Erzählung wiedergegeben oder das Ganze ist ohnehin nur übernommenes Seemannsgarn. Das Seeschwein hat im Grunde ja nicht wirklich Ähnlichkeiten mit einem Dugong. Man muss zu dem Schluss kommen, dass die mittelalterlichen Vorstellungen als buchstäbliche Mischung von Fischen mit bekannten Landtieren dargestellt wurden. Vieles wurde möglicherweise auch verschlüsselt oder bewusst aus dem Zusammenhang gerissen. 


Ein Ichthyocentaur (Teile Mensch, Pferd und Fisch) spielt auf einer der skandinavischen Karten aus Ortelius’ Theatrum orbis terrarum (einer anderen Karte von ihm) eine möglicherweise wichtige Rolle. Das Meer um Skandinavien zeigt dort nicht nur Segelschiffe, sondern einen traditionell friedlichen Ichthyozentauren, was möglicherweise auf eine sichere Passage hindeutet. 

 

CM_Extrakt_4An den Küsten Norwegens soll es auch eine enorm große Seeschlange geben, die etwa 60-70 Meter misst und über 6-7 Meter Umfang hat. Ihr Aufenthaltsort sind Felsen und Höhlen an der Meeresküste um Berge herum. Der Legende nach kommt sie in einer klaren Nacht im Sommer aus ihren Löchern, um und Kälber, Lämmer und Schweine zu verschlingen. Im Meer ernährt sie sich von Tintenfischen, Robben und Krabben. Der Kopf der Schlange steigt hoch wie eine Säule aus dem Wasser, überfällt Menschen und verschlingt sie. Solche Attacken sollen stets zu einer Veränderung im Königreich führen. Fürsten sterben anschließend oder werden verbannt werden, selbst stürmische Kriege sind nicht ausgeschlossen.


CM_Extrakt_6Polypus (was "vielfüßig" bedeutet) wurde in Magnus Karte verwendet, um möglicherweise mit einem Bild viele Tiere zu beschreiben, die die Bandbreite vom Hummer über den Tausendfüßler bis hin zum Riesen-Tintenfisch abdeckte. Während Olaus Magnus (1539) hier einen riesigen Hummer zeichnete, der einen Menschen in seinen Klauen hielt, beschreibt sein Text einen Tintenfisch, der die wahre Verwirrung darüber zeigt, was im Meer lebte. 

 


"Für uns scheinen fast alle Seeungeheuer auf all diesen Karten ziemlich skurril zu sein, aber tatsächlich wurden viele davon aus dem entnommen, was die Kartographen als wissenschaftliche, maßgebliche Bücher betrachteten", äußerte sich der Autor Chet Van Duzer (Autor des Buches See-Monster der Mittelalter- und Renaissance - Karten). Manches mag symbolischen Ursprungs sein, vieles entspricht Legenden, kryptozoologische Entdeckungen aus dieser Zeit sind dabei jedoch auch nicht völlig auszuschließen. Hier gilt es, die Spreu vom Weizen zu trenne. Von vornherein zu behaupten, alles sei völlig an den Haaren herbeigezogen, wäre sicherlich etwas voreilig. Man darf im Grunde aber auch nicht vergessen, dass Seeleute die Hauptquellen für Künstler und Schriftsteller waren, die anschließend das Leben im Ozean auf ihren Karten beschreiben. Van Duzer soll auch die Feststellung gemacht haben, dass die Kartografen der damaligen Zeit große Angst vor "Weißraum" bzw. im übertragenen Sinne Angst vor ungenutzter detailloser Fläche hatten und diese entsprechend ausschmückten. So, als hätte es für sie damals nichts langweiligeres als kontrastarme Meere gegeben. Selbst Orte sollen dazuerfunden worden sein. Vielleicht ist an allem etwas dran, vielleicht aber auch nicht.

 

Die isländischen Criptoporticus

 

CriptoporticusIm Nordosten von Island hat Magnus auf seiner Karte eine Art Höhlensystem gemalt, das mit Criptoporticus bezeichnet wurde. Übersetzt: Unterirdischer Gewölbegang. Auf den heutigen Karten findet man hierüber nichts entsprechendes. Die Erklärung hierüber gibt Magnus selbst: "… zeigt an, wie Kirchen und Häuser aus Rippen und Knochen von Walfischen gebaut werden. Die mit Criptoporticus bezeichneten Gruben weisen darauf hin, daß viele Leute in diesem Land wegen der großen
Kälte in der Erde wohnen, wie es die Afrikaner wegen der großen Hitze tun....." (Die Beschreibung stammt aus dem Jahre 1539; Quelle)

 

Hier die gesamte Carta Marina (gemeinfrei):

 

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