Im unscheinbaren Westerhausen, eingebettet ins nördliche Harzvorland, ziert der sogenannte Königsstein-Felsen das Ortswappen. Offiziell wird immerhin schon eingeräumt, dass die merkwürdige Felsformation auf eine alte Kultstätte hindeutet – und Ausgrabungen in der unmittelbaren Umgebung scheinen diese Annahme zu stützen. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem steinernen Rätsel?
Der Königstein oder Kamelfelsen auf einer Anhöhe ist so dicht bewachsen, dass man die gesamte Felsformation nicht ungetrübt zu Gesicht bekommt. Grund genug, die paar Meter hinaufzustiefeln, um sich ein genaueres Bild zu machen. Von der Landstrasse aus soll man jedenfalls nicht zufällig innehalten, um diese Formation überhaupt zu bemerken. Davon kann man getrost ausgehen.
Hier unscheinbar und sichtlich getarnt durch dichtes Unterholz aus einigen Metern Abstand. Der Felsenzug verläuft rechts weiter, ist aber ausschließlich mit normaler Kamera aus der Entfernung heraus nicht komplett zu erfassen. Das nächste Mal nehme ich die Drohne mit.
Womit haben wir's zu tun? Einem Kamelfelsen auf einem Hügel – oder doch etwas anderes?
Wer den Begriff „Kamel" bereits im Gepäck hat und sich der Anhöhe von der Landstraße aus nähert, wird tatsächlich eine kamelähnliche Felsanordnung erkennen. Aber eben nur deshalb, weil einem das Wort bereits im Kopf sitzt und man schon vorher darüber gelesen hat. Ohne diesen Hinweis würde ich persönlich nicht spontan auf ein Kamel kommen.
Was mich dabei keineswegs überrascht: Das Panorama ist – wie so oft bei solchen Stätten – akribisch von junger Vegetation sichtgeschützt und damit dem flüchtigen Blick entzogen. Selbst im März, wenn die Bäume kaum Blätter tragen, ist die Sicht erheblich eingeschränkt. Der Grund dafür liegt buchstäblich vor einem: Dicht gepflanzte Jungbäume versperren jeden freien Blick auf die Formation. Diese Bepflanzung soll erst seit den 1960er Jahren bestehen.
Also was jetzt. Zufall oder Absicht, die Sache mit der dichten jüngeren Bepflanzung davor?
Ich tippe auf Letzteres. Das Grundstück (zumindest die Kammkante) soll der Kirche gehören – und diese Felsanomalie war dem Klerus vermutlich schon seit jeher ein Dorn im Auge. Ob Kirche oder staatliche Organisationen. Solche Strukturen werden von nahezu allen Autoritäten seit jeher (bzw. in jüngster Zeit immer deutlicher) getarnt, beseitigt oder zweckentfremdet. Ein für mich gewohntes Muster.
Ansicht von vorne. Das Kamel, das sich mir eher als sphinxähnlich positionierte Riesenechse präsentiert, weist deutliche Bearbeitungsspuren auf. Gerade oben am Kopf und im Brustverlauf.
Nähere Ansicht der "Schnauze". Hier sind für mich eindeutig abgekantete Stellen zu sehen.
Eine Art Sonnenkalender in Stein?
Die kamelähnliche Felsformation ist nicht irgendwie in der Landschaft platziert. Ihre Ausrichtung verläuft parallel zur Harzkante – und das offenbar nicht ohne Grund. Sie scheint ein markanter Sonnenbeobachtungspunkt zu sein, ausgerichtet auf die wichtigsten astronomischen Ereignisse des Jahres. Zumindest ist darauf ein Youtuber und ortsansässiger Heimatforscher gekommen, den ich mitsamt seines Videos an dieser Stelle würdigen möchte (siehe weiter unten):
- Tag- und Nachtgleiche: Sonnenaufgang über dem Lehofberg bei Quedlinburg – Sonnenuntergang über dem Brocken
- Sommersonnenwende: Sonnenaufgang über dem Markberg am Hakel – Sonnenuntergang im großen Sonnental am Hoppelberg
Wintersonnenwende: Sonnenaufgang bei den Gegensteinen (Ballenstedt) bzw. dem Eselstall – Sonnenuntergang über dem sogenannten Heiligen Land (eine Ortsbezeichnung in der Nähe).
Ich habe diese Ausrichtungen nicht persönlich nachgeprüft halte sie aber für plausibel. Der Heimatforscher Werner K. hat das sicherlich zuverlässig geprüft.
Kamel, Drachen oder doch etwas ganz anderes?
Da wäre dann noch die Form selbst. Offiziell: ein Kamel mit Höckern, geformt durch natürliche Erosion des Sandsteins. Bei näherer Betrachtung – und ich habe mir die Formation persönlich aus der Nähe angesehen – erschließt sich mir ein ganz anderes Bild:
Ich erkenne zwei drachenähnliche Wesen hintereinander, deren Flanken teilweise sicherlich auch mit zu großen Erdanteilen überdeckt sind.
Hier der zweite Drachenabschnitt (hinter der ersten). Das Narrativ bedient sich hier eines durchgehenden "Kamelkörpers". Es gibt eine Unterbrechung zwischen beiden Wesen und der Auftakt des zweiten Wesens bildet aus meiner Sicht der oben geformte entsprechende Kopf. Seitenansicht von links hinten.
hier noch ein wenig näher herangezoomt yyy
Hier die Nahaufnahme des Kopfs von der Seite (links die Nüstern, in der Mitte die Augenausformung). Vielleicht will man es aber auch anders ausdeuten. Dies ist zumindest meine Interpretation dahingehend, dass es sich bei dem Felsenzug um zwei separate Formgebungen handelt.
Das Kamelnarrativ ist übrigens noch keine hundert Jahre alt. Für mich persönlich sprechen sowohl die Formgebung als auch historisch-symbolische Überlegungen eher für die Darstellung zweier Riesenechsen – aber wie gesagt: Reine Ansichtssache.
Was bei aller Faszination nicht übersehen werden darf: Die Anlage ist stark ramponiert. Bei meiner zugegebenermaßen oberflächlichen Begehung fielen mir zahlreiche Bearbeitungsspuren auf – und es ist kaum noch zu unterscheiden, welche Mulden dem ursprünglichen Nutzungszweck (mögliche Schalenabschnitte oder Sitzflächen) zuzuordnen sind und welche dem späteren Mühl- bzw. Sandsteinabbau.
Hier die Bearbeitungsspuren des hinteren Bereichs. Einerseits, um "sauberen" aderfreien Sandstein zu gewinnen (mit erstaunlich glatter Abbruchkante, was mit erneut grübeln lässt), andererseits, um möglicherweise Sitzflächen auf der Rückenpartie beider "Echsen" herauszubilden.
Ein erheblicher Teil des Materials dürfte gezielt für Bauzwecke abgebrochen worden sein – im Auftrag der Kirche, wie es heißt. Ich mutmaße hier die bewusste Zerstörung eines bedeutenden Bezugspunktes: eines Ortes, der einst der Astronomie, spezifischen Kulten und möglicherweise einer symbolischen Bildsprache diente, die heute nur noch in Bruchstücken und ohne erkennbaren Zusammenhang erhalten ist.
Hier die Rückenpartie des Felskamms.
Ob die gesamte Anlage ursprünglich ein Pendant zum Sonnenwagen darstellte – als großes kosmisches Symbol in Stein und Landschaft –sei einmal dahingestellt. Zumindest figürlich gesehen erinnert mich die Anlage im heutigen Zustand nicht daran.
Es lohnt sich, den Ort nochmals mit einer Drohne zu erkunden und dort mehr Zeit für die Untersuchung weiterer Spuren zu verbringen. Ich persönlich war sicherlich nicht zum letzten Male dort.