Sicher ist es Euch auch schon aufgefallen, aber vielleicht habt Ihr noch keinen Gedanken daran verschwendet. In Kirchen und Kathedralen sind die gewölbten Decken buchstäblich mit Netzwerken überzogen, die auf den ersten Blick statische Gründe für die gotischen Bauten haben könnten.
Teilweise überbetonte Verzierungen lassen aber einen tieferen Sinn dahinter vermuten. Möglicherweise stehen hier mehrere Interpretationsmöglichkeiten zur Auswahl. Rekapituliert man die christliche "Folklore", kommen einem direkt die "Menschenfischer" in den Sinn. Ein Instrument der vorgegaukelten Errettung durch die christlichen Auserwählten, um die schutzlosen Seelen vor dem Ersaufen in Sünde zu bewahren.
Die Netzgewölbe im Mosteiro dos Jerónimos - "Kloster" (Lissabon) und an der Decke seiner angeflanschten Kirche sind möglichwerweise nicht 1:1 von der gleichen Machart anderer christlicher Bauwerke. Doch ähneln sie sich zumindest recht häufig. Geht man davon, dass es sich um das Firmament Gottes handelt, wäre zumindest garantiert, dass kein Spatz schutzlos vom Himmel fällt, solange der göttliche Plan in Gestalt des Deckengitters verwirklicht wird. Vielleicht vermittelt es ja trötliche Gedanken beim Gottesdienst. Aber ist das wirklich sicher?
Rein machtpolitisch betrachtet könnte es in diesem Falle bei den Portugiesen (hier als Beispiel) für das weltumspannende Netz stehen, das für Schutz und Handel stand und das auch den Gesetzen und der Krone und des Christusordens unterworfen war.
Man könnte aber auch zu anderen Schlüssen kommen. Für sensible Betrachter vermittelt es womöglich – wie auch der Rest der Architektur – das Gefühl einer mächtigen Struktur, die den Menschen umgibt und die ihn klein und "gefangen" hält. Denkt man das Ganze weiter, trägt es auch auf metaphysischer Ebene den Aspekt der Unentrinnbarkeit in sich. Schaut man nach oben auf das dichte Netz, überwiegt nicht automatisch die göttliche Demut, sondern vielleicht auch die Angst. Die Rippen des Gewölbes bilden eine physische, dichte mathematische Struktur und Grenze. Kann man nach dem Tod sicher sein, dass man das vorgegebene System verlässt und wirklich in höhere glückseligere Sphären aufsteigt? Bleibt die Seele womöglich im erdnahen Netz gefangen?
Düstere Aussichten nach dem Ableben, ein erzwungener Reinkarnationskreislauf oder einfach nur ein mulmig unterschwelliges Mißverständnis? Vielleicht haben wir es ja nur mit einer schönen Dekoration und statischen Elementen in einem Kirchenschiff oder einem Kreuzgang zu tun. Nichts davon ist wirklich symbolisch? Auch nicht die Überschneidungspunkte mit den lustigen "Bildchen" drauf … ?
Entscheidet selbst, aber bleibt wachsam. Die alten Bauherren mit den unfassbar ausgefeilten Skills hatten sicherlich das Potential , neben schönen ästhetischen Schwüngen auch entsprechende Botschaften zu verschlüsseln, die lediglich Eingeweihte richtig deuten konnten.