© Spurensucher - 08. August 2017
Diverse

Fassadenkunststück der Nomaden? Mada'in Salih

Qasr_al_Farid

(Obere Abb.: Fotograf: Richard.hargas // https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Qasr_al_Farid.JPG)

(Untere Abb.: Fotograf: Sammy Six//https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Madain_Saleh_(6730299351).jpg)

 

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Mada'in Salih (übesetzt: Städte des Salih) liegt 400 km nordwestlich von Medina in Saudi Arabien. Früher einmal hieß die antike präislamische Stadt Hegra und wurde als Handelsmetropole der Nabatäer eingestuft. Man geht davon aus, dass die Nabatäer im 1. Jahrtausend vor Christus von Arabien aus in das Gebiet zwischen dem Roten und dem Toten Meer vordrangen, um es zu besiedeln. Von einer Handelsmetropole sieht man hier nicht viel - dafür erwarten Wüstenbesucher beeindruckende monumentale Fassaden im zerklüfteten Sandgestein.

 

Madain Saleh

 

Fotografie/Fotograf: Madain Saleh by Sammy Six, Bildquelle (gemeinfrei), Flickr (Mouseover und Click über/auf das Bild für Urheber- und Lizenzgeberangabe)

 

Madain Saleh

 

Fotografie/Fotograf: Madain Saleh by Sammy Six, Bildquelle (gemeinfrei), Flickr (Mouseover und Click über/auf das Bild für Urheber- und Lizenzgeberangabe)

 

Der Geschichtsschreiber Diodor (1. Jahrhundert v. Chr.) beschrieb die Nabatäer wie folgt:

„Sie führen ein Räuberleben und plündern oft auf Raubzügen die Nachbarländer aus. […] Sie pflanzen weder Korn oder andere früchtetragende Bäume an, noch trinken sie Wein, noch bauen sie irgendwelche Häuser. Sollte jemand gegen diese Regeln verstoßen, so wird dieser mit dem Tode bestraft. […] Obwohl es viele andere arabische Stämme gibt, die die Wüste als Weide nutzen, übertreffen sie die anderen bei weitem an Reichtum, obwohl sie nicht viel mehr als 10.000 zählen, denn nicht wenige sind gewohnt, Weihrauch und Myrrhe und auserlesene Gewürze zum Meer zu bringen.“ Der Historiker Hieronymus von Kardia beschreibt die Na­batä­er als no­ma­disch le­ben­de Ara­ber, als Züch­ter von Dro­me­da­ren, Schaf­hir­ten und Weih­rauch­händ­ler

 

Entweder haben sie's dann wohl verstanden, die richtigen Architekten anzuheuern oder zu versklaven oder sie kommen als Bauherren dieser Fassaden vielleicht doch nicht in Frage?

 

Madain Saleh

 

Fotografie/Fotograf: Madain Saleh by Sammy Six, Bildquelle (gemeinfrei), Flickr (Mouseover und Click über/auf das Bild für Urheber- und Lizenzgeberangabe)

 

Im Al-Ula Sektor befinden sich jedenfalls diese insgesamt 131 hohen Felseinschnitt-Fassaden, die sich über 13,4 km hinweg erstrecken und lt. Wissenschaft nabatäischen Ursprungs sein sollen (entstanden zwischen dem 1. Jhd. vor bis 1. Jhd. nach Chr.). Viele der insgesamt 111 Gräber sind bis heute allerdings weder erforscht noch erschlossen. 

 

Angesichts der Bauweise der Fassaden, wie sie auch in Petra (Jordanien) vorkommen, habe ich – was die Altersdatierung angeht – so meine Zweifel.

Prof. Dr. Robert Wenning von der Uni Münster gibt sich dagegen sehr überzeugt (Er ist beschäftigt sich am Institut interdisziplinär mit der Geschichte, der Topographie und der materiellen Hinterlassenschaft der Antike im Nahen Osten von Südsyrien bis Nordarabien unter Einbeziehung der Nachbarkulturen) ….. Meine direkte Frage an ihn in dieser Sache: Wird die Altersdatierung der Felsgrab-Fassaden lediglich auf die Inschriften zurückgeführt oder auf noch weitere Indizien?… Seine Antwort: " … die Interpretation der Felsfassadengräber in Mada'in Salih als Gräber ist unstrittig. Es ist auch keine andere Funktion oder Nutzung für die Antike angezeigt. Sie beruht nicht nur auf den großen Grabinschriften an der Fassade, die die Bauten eindeutig als "Grab" identifizieren, sondern auch auf den Grabnischen in diesen Bauten. Außerdem lassen sich die Felsgräber mit denen aus Petra vergleichen, die eine längere Tradition haben. Zumindest in Petra sind in einigen Gräbern noch Gebeine gefunden worden.

Die Grabinschriften in Mada'in Salih benennen zunächst den Grabinhaber, den- oder diejenigen, die den Grabbau in Auftrag gegeben haben und die zunächst auch die Rechte für eine Nutzung als Familiengrab mit der Inschrift ausweisen. Zu der Familie konnten Personen gehören, die nicht expressis verbis in der Inschrift genannt sind. Im Verlauf der Zeit scheinen einige Gräber anderen Personen zugesprochen worden, sei es durch Verpachtung, sei es dadurch, dass keine Angehörigen des ursprünglichen Grabherrn vor Ort mehr lebten."

Weiterhin schreibt Robert Wenning:

" … Die Datierung der Gräber wird in erster Linie durch die auf ein Jahr datierten Inschriften bestimmt. Von den so datierten Gräbern ausgehend kann man manche andere Fassaden den gleichen Steinmetzen zuweisen, die in den datierten Inschriften als Künstler genannt werden. Daneben erlauben Stilvergleiche und Beobachtungen zur Relation der einzelnen Architekturelemente zueinander Hinweise auf eine ungefähre Zeitstellung innerhalb des 1. Jh. n. Chr.
Laila Nehmé, die Leiterin der französischen Ausgrabungen in Mada'in Salih, hat sich in diversen Artikeln und einer Monographie 2015 ( Les tombeaux nabatéens de Hégra, Épigraphie et archéologie, 2 vols. Paris) mit den Gräbern umfangreich beschäftigt …"

 

Knochen hat man also dort offenbar nicht gefunden, was jetzt nicht weiter verwunderlich ist. Und selbst wenn – Sind diese Grabnischen, sollten es welche gewesen sein, tatsächlich zeitgleich mit den aus meiner Sicht filigranen Fassadenstrukturen entstanden?

 

Hier ein Bild einer solchen Grabnische im Inneren:

 

Madain Saleh  

 

Fotografie/Fotograf: Madain Saleh by Sammy Six, Bildquelle (gemeinfrei), Flickr (Mouseover und Click über/auf das Bild für Urheber- und Lizenzgeberangabe)

 

Diese Grabnischen stehen aus meiner Sicht architektonisch in großem Kontrast zu den filigranen Fassaden am Eingang. Möglicherweise hat man die Anlage erst viel später nach ihrer Entstehung zu einer Nekropole umfunktioniert und dann die Grabnischen in das Sandgestein getrieben?

 

Sind mit "Grabinschriften an der Fassade" etwa solche Graffities hier gemeint? Große monumentale reliefartige Inschriften an der Außenfassade, die eine gewisse Fernwirkung haben sollten, kann ich hier an den mir vorliegenden Fassadenbildern nicht erkennen.

 

Madain Saleh

 

Fotografie/Fotograf: Madain Saleh by Sammy Six, Bildquelle (gemeinfrei), Flickr (Mouseover und Click über/auf das Bild für Urheber- und Lizenzgeberangabe)

 

 

Madain Saleh

 

Fotografie/Fotograf: Madain Saleh by Sammy Six, Bildquelle (gemeinfrei), Flickr (Mouseover und Click über/auf das Bild für Urheber- und Lizenzgeberangabe)

 

Ganz entgegen dem o.g. Zitat von Diodor bzw. Hieronymus dürften die nabatäischen Architekturleistungen immerhin recht außergewöhnlich gewesen sein. Diese sogennannte Felsengräber gehören mittlerweile auch zum UNESCO Weltkulturerbe.

 

Madain Saleh

 

Fotografie/Fotograf: Madain Saleh by Sammy Six, Bildquelle (gemeinfrei), Flickr (Mouseover und Click über/auf das Bild für Urheber- und Lizenzgeberangabe)

 

Auf dieser Abbildung sieht man die Szene einer Kameljagd als Gravur. Ist diese genauso alt wie das gradlinig ausgearbeitete treppenförmige Felsrelief, das praktisch über jedem Eingang zu sehen ist? Die Treppenstufenstruktur oberhalb der Großfassaden findet man auch in Petra.

 

Die Frage ist, ob sich die beeindruckenden Felsformationen aus Standstein, die dort in unterschiedlichsten Farben (von Rot, Gelb bis Weiss) vorkommen, wirklich zur Dekoration von Gräbern errichtet wurden. Und spinnt man den Faden weiter: Wem soll man da derart pompöse Gräber zugewiesen haben? Jemandem, der die entsprechende Größe mitbrachte? Oder war der Zweck dieser Bauweise ein ganz anderer bzw. sind diese Bauten möglicherweise noch viel älter? Laut Inschriften, die sowohl assyrische, ägyptische wie auch griechische Einflüsse zeigen. Inschriften können wie erwähnt jedoch auch lange nach der Felsbearbeitung dieser stattlichen Ornamente und Architekturen im Sandstein vorgenommen worden sein.

 

Im Koran steht zwar nichts von Gräbern, im Zusammenhang mit Mada'in Salih allerdings etwas von Häusern:

„Und die Bewohner von al-Ḥiğr bezichtigten die Gesandten der Lüge. Wir ließen ihnen unsere Zeichen zukommen, aber sie wandten sich von ihnen ab. Und sie hauten aus den Bergen Häuser aus, im Trachten nach Sicherheit. Da ergriff sie der Schrei bei Tagesanbruch; so nützte ihnen nicht, was sie erworben hatten.“

(Sure 15, Verse 80-84)

 
Die Frage ist, womit man es an diesem faszinierenden Ort am Ende wirklich zu tun hat. Merkwürdig ist auch, dass es sich hier um eine antike Stadt und Handelsmetropole gehandelt haben soll, von der nun aber lediglich ein überdimensionaler Friedhof übrig geblieben sein soll? Was ist mit der Wohnsiedlung?

 

Robert Wenning äußert sich zum Thema Wohnsiedlung so: " … es gibt einiges an Befunden der Wohnsiedlung, insbesondere durch die neueren französischen und saudischen Ausgrabungen. Hegra war eben nicht nur Totenstadt und ein Ort, wo man an "heiligen Plätzen" der Toten gedachte, sondern wie Petra eine bewohnte Siedlung mit eigenen Bereichen für kultische Belange."

 

Tatsächlich hat das Archäologenteam mehrere Zonen mit einzelnen Häusergrundrissen entdeckt. Ob man daraus bereits den Status einer Großsiedlung ableiten kann, die im Verhältnis zum übriggebliebenen gigantischen Friedhof steht, mag sich jeder selbst beantworten: Siehe >> Quelle

 

 

 

Der eindrucksvolle Ort befindet sich mitten in der Wüste – die nächste Oase Al-'Ula liegt immerhin rd. 40 km entfernt. Möglicherweise waren die geografischen Gegebenheiten an diesem Ort einmal völlig andere.