© spurensucher - 26.09.2020

Bretzenheim: Vom Kraftort zur Absteige

 

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Wie immer sieht man nur einen Bruchteil dessen von dem, was man eigentlich sehen sollte. Die Felseneremitage bei Bad Kreuznach, die auch Felsenkloster oder Wallfahrtsort genannt wird, impliziert alleine schon durch ihre Bezeichnung den klerikalen Mief des Mittelalters. Wie immer sollte man auf Anhöhen und Freiflächen umsichtig sein, wo sich die Pfaffen seit der sogenannten Christianisierung bereits seit dem 6./7. Jahrhundert breit gemacht haben. Das mit der Umsicht ist ist an dieser Stelle allerdings so eine Sache. Ist man gewillt, diesen spannenden und gleichzeitig nahezu vergessenen Punkt in der Landschaft aufzusuchen, durchquert man zunächst die Obdachlosenhilfe der Kreuznacher Diakonie, um über auf einen steilen Weg auf ein seitlich wild zugewachsenes Hochplateau zu gelangen. Und das ist nicht alles, was dem Zugang und dem Panorama ein wenig im Wege steht. Nach Aussage der Ortsgemeinde Bretzenheim ist diese seit August 2019 Eigentümer der Anlage und kann sich nun um die Sicherung und Erhaltung dieser einmaligen Anlage kümmern. Seitdem hat sich jedoch nicht viel getan, wie es scheint.

 

Nur ein Ausschnitt freigegeben

 

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Nach dem kurzen Aufstieg – etwa 80-100 Meter bis zur Lichtung am Fuße der Felseneremitage – sieht man lediglich einen Ausschnitt der Felsenarbeit – ein breit angelegtes Relief mit architektonischen Einflüssen. Besser gesagt, man hat das Gefühl, nur einen winzigen Ausschnitt eines Felsenzuges oder Berghügels zu erhaschen, der sich nämlich dicht bewaldet in west-östlicher Richtung auf 200 Metern Höhe entlang des Guldenbachs weiter fortsetzt. Sicherlich ist man gut beraten, nach der Besichtigung den sogenannten Eremitenpfad entlang des Berges zu wandern, der sich über eine Strecke von 9,1 km zieht und der Punkte mit den Bezeichnungen "Das Kraftfeld" und "Tor in die Welt" passiert. Wenn man genügend Zeit mitbringt, ist es sicherlich nicht ausgeschlossen, auch auf weitere weniger offizielle Spuren zu stoßen, die sich hinter der dichten Botanik verbergen.

 

So schreiben die Bad Kreuznacher Heimatblätter 2014: "Nun gibt es aber tatsächlich in der Gemarkung von Guldental, an der Felswand des Waldberges „Lindel“ gelegen, einen hinter Buschwerk verborgenen und durch von der Felswand abhängende Rankengewächse verdeckten Ort, der alle Anzeichen einer (Anmerkung: weiteren) früheren Eremitenklause erkennen lässt. Er befindet sich nur ca. 400 m westlich der Bretzenheimer Felseneremitage, wird aber in kirchlichen Unterlagen nirgendwo erwähnt." Gemeint ist die sogenannte Einsiedelei Heddesheim, wo sich einst auch jemand aufgehalten haben soll, der es sprichwörtlich in einer weltlichen Gemeinde nicht mehr ausgehalten hatte. Wir wissen also spätestens jetzt, dass wir an diesem Tourihotspot der Bretzenheimer Felseneremitage längst nicht alles gesehen haben, sondern dass sich an der Felswand, würde man sie nicht gänzlich zuwachsen lassen, weitaus mehr entdecken könnte. Vielleicht hat die Kirche diesen zusätzlichen Standort schon alleine deshalb geleugnet, weil man die wahren Wurzeln dieser Felsbearbeitungen ohnehin unter den Teppich kehren wollte. 

 

Jedenfalls nicht christlichen Ursprungs

 

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Die grotesken Fenster in den Öffnungen sowie die aufgemauerten "Fensterbänke" stehen aus meiner Sicht für den größten Sakrileg bei der Vergewaltigung eines solchen historischen Kraftortes.

 

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Große klaffende Öffnungen oder Unterstände in der Wand mit eingearbeiteten Sitzstufen stellen den aufmerksamen Besucher vor neue Fragen, den ursprünglichen Zweck betreffend. Ebenso die unerklärten ausgearbeiteten kleineren Wandöffnungen. Man hat jedoch immer einen Weg dorthin über schmale Vorsprünge finden können.

 

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Hier die unidentifizierte Bauebene unterhalb der Felsenwohnung nach den Ausgrabungen von 2005. Diese existierte schon vor der christlichen Besetzung. Was sich darin befindet, bleibt der Öffentlichkeit verwehrt. Ebensowenig erfahren wir etwas darüber, ob sich unter der Felsanlage noch Höhlen oder Tunnel befinden.

 

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Immerhin schauen manch´ aufmerksame Besucher der Bretzenheimer Felseneremitage doch etwas verdutzt, wenn sie die zahlreichen rätselhaften Spuren im Mauerwerk finden. Seit die Kirche diesen Ort ab dem 6./7. Jahrhundert unter ihre Fittiche genommen hat, ist hier von klerikalen Baumeistern die Rede, die an vielen Stellen tätig waren. Generationen von Eremiten und Mönchen hätten seitdem in mühevoller Handarbeit mit Hammer und Meißel jendes Felsbauwerk in den roten Sandsteinfelsen gehauen, das man nördlich der Alpen bis heute als einmalig bezeichnet.

 

Zugestelltes Ritterrelief, das nicht Bestandteil der Eremitage ist uns sicher sehr viel später erst angefertigt wurde. Offenbar die Tafel zu einem Rittergrab nahe des Felsens.

 

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Das untere Relief dürfte bereits weitaus länger Bestandteil der Anlage sein.

 

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Der Blick ins Innere der sogenannten "Felsenkapelle". Der in den Raum hinein ragende Felsblock wurde angebllich 1718 als Altar eingefügt – zunächst als Provisorium – später ab 1723/24 dann als Hauptaltar soll er Verwendung in der neuen Kirche gefunden haben. Nach der Säkularisierung  der Klosteranlage gestaltete der eue Besitzer die "Felsenkapelle" zu einem Kelterhaus um und der Altar wurde zu einer "Baumkelter" umfunktioniert.

 

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Die Seitewände sind möglicherweise vor der Christianisierung zu außergewöhnlichen Rundgewölben geformt worden, die charakteristischen "Schruppspuren" an den Wänden findet man bei zahlreichen Megalithanlagen überall in Deutschland.

 

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Die einzelnen Säulen sind hintermauert worden, aus welchen Gründen auch immer. 

 

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An der Seitenwand findet sich durchgehend ein abgeschrägter Sockel, der sicherlich nicht zu Knie- oder Sitzzwecken angefertigt wurde. Für christliche Rituale wurde dieser sicherlich nicht eingerichtet.

 

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Auch dieser rechte Bereich der "Felsenkapelle" dürfte mit keinem Seitensockel versehen worden sein, der zum Sitzen einlädt. Ebenso auffällig sind die kleinen Wandeinkerbungen.

 

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Hier der nochmals der angebliche Altar. Lt. Kupferstich eines unbek. Künstlers von 1839 ist dieser vordere Bereich lange Zeit großteils zugemauert gewesen. Heute ist es dort auch nicht besser, da diese Bereiche aus angeblichen Sicherheitsgründen vergittert sind. Wenigstens kann man durch die Gitter rudimentär fotografieren. Ein Blick in den vermeintlichen Altar hätte mich schon sehr interessiert. Für mich sieht er mehr nach einem Becken aus, das zu Kultzwecken genutzt wurde.

 

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Rechts oberhalb der "Felsenkapelle" sind Stufen, die praktisch im Nichts enden. Dieses spricht für mich eher für einen Symbol-, denn für einen Funktionscharakter.

 

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Diese Information/Aussage lässt sich allerdings auch gleich wieder relativieren, da nach offizieller Verlautbarung auch "Bauspuren in der Felswand" und ein "unter der heutigen Anlage nachgewiesener Felsenraum" auf eine vorchristliche Nutzung hinweisen. Obwohl man hierzu auch nichts genaueres weiss oder sagen möchte, streut man die Begriffe "Kelten" und "Römer" ein, die dafür möglicherweise verantwortlich gewesen sein sollen.

Bei einer Grabung im Jahre 2005 unterhalb der Felsenwohnung (sozusagen im Tiefparterre) stellte sich heraus, dass eine weitere, in die vorchristliche Zeit zurückreichende Bauebene nachweisbar ist.
Insgesamt konnten im Grabungsbereich Bauspuren vier unterschiedlicher Gebäude aus unterschiedlichen Epochen nachgewiesen werden. Nähere Begründungen, Spuren oder Indizien sind öffentlich nicht zugänglich.

 

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Zahlreiche Wandspuren, Nischen und Unterstände weisen nicht ausschließlich auf eine funktionale Nutzung der Felswand hin, sondern könnten durchaus symbolträchtig sein. Diese große Nische (nächstes Bild) soll einem Beichtstuhl gedient haben.

 

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Wand wie eine Computer-Lochkarte: Die Einkerbungen bzw. Aussparungen liefern keine Erklärung über deren Sinn und Zweck. Allerdings sind solche Vorkommnisse auch bei zahlreichen anderen Megalithanlagen bekannt.

 

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Diese Nischen dürften wohl kaum ein Funktionalität erfüllt haben, sondern sind eher symbolischer Natur. Der abgeschrägte Sims des Fensters bietet nämlich keinerlei Abstellmöglichkeit. Unwahrscheinlich, dass dies die Arbeit von Christen war. Soweit meine Einschätzung.

 

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Kraft als Kirchenmagnet

 

Richtig lebhaft soll es dann ab dem 16. Jahrhundert dort zugegangen sein. Seit dem frühen Mittelalter gab es dort auf der Freifläche vor der Felswand nach und nach christliche Kirchen. Die letzte soll angeblich wegen Baufälligkeit bereits 1819 abgerissen worden sein. Die Felswand wurde für insgesamt 23 Eremiten in Laufe der Jahrhunderte das neue Zuhause. Bis zu vier Eremiten lebten maximal gleichzeitig dort, um Wallfahrer und sonstige Besucher zu betreuen und die baulichen Anlagen zu erweitern und zu erhalten. Einer von ihnen stürzte mit 82 Jahren vom Felsen (im Jahr 1827). 

Wenn jemand in einer Einsiedelei in der Felswand verstarb, lautete der Kirchensprech des 18. Jahrhunderts: Er starb "in Petra“, was be- deutet, dass er sein Leben „im Felsen“ beschloss. Wieder was dazu gelernt.

 

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Man findet auch versteckte Stufen, Simse oder Kanten, wenn man das Unkraut beseite drückt. Umwahrscheinlich, dass die Euphorie besonders groß ist, diesen Ort seitens der Ämter mehr als nur oberflächlich in Schuss zu halten.

 

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Insgesamt sollen zwei Felsklausen in die Sandsteinwand gemeißelt worden sein. Hinzu kam eine Wohnung mit 90 qm für das Konvent. Zwei weitere Klausen in "näherer Umgebung" gehören ebenfalls zur Einrichtung. Angeblich sollen hier durch die Zuwanderung von Eremiten ein regelrechtes Kloster entstanden sein.

 

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Zahlreiche Nischen und "Fenster"partien wurden offenbar schon vor langer Zeit zugemauert. Ob das Interesse nach einer Freilegung grundsätzlich ist oder ob man glaubt, es sei schon alles bekannt, sei mal dahingestellt.

 

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Oberhalb der Felsenanlage befinden sich drei Ankerschächte, die eine ständige Kontrolle der Felsbewegungen ermöglichen, weiter vorhandene wurden  zugemauert. Weitere Sicherungs– und Schutzmaßnahmen (Dach über dem Felsengrab und dem Standbild des Ritters, Zugangssperre zur „Felsenkapelle“ wegen Steinschlaggefahr im Innern und Mörtelabdeckung über der „Felsenkapelle“ zum Schutz gegen eindringendes Wasser) verhindern den Blick in die Innenräume, die nicht betreten werden dürfen.

 

 

Anhand des Grundrisses sieht man, was man leider verpasst. So bleiben die Spuren im Inneren der 90 qm großen Felsenwohnung komplett unter Verschluss. Das 2005 erkundete Basement ist nicht Bestandteil des nachstehenden Grundrisses.

(Abbildung: Grundrissanfertigung der Innenräume von 1993, Schautafel)

 

Grundriss

 

Kolorierter Kupferstich eines unbek. Künstlers 1839.

 

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So sah es